11.11.2026 | Martinstag | Matthäus 25,31–40 | Reihe II
                                      18.11.2026 | Buß- und Bettag | Jesaja 1,10–18 | Reihe II
                                      25.11.2026 | Im Anschluss an den Ewigkeitssonntag | Offenbarung 21,1–7 | Reihe II


04.11.2026 | Im Anschluss an den 22. Sonntag nach Trinitatis | Römer 7,14–25a | Reihe

Predigtkern: Christus hält uns auch dort, wo guter Wille und tatsächliches Handeln auseinanderfallen. Seine Gnade ermöglicht, Schuld einzugestehen und einen neuen Schritt zu wagen.

Gliederung:

  • Den Abstand zwischen Wollen und Tun wahrnehmen.
  • Paulus als Zeugen unserer inneren Zerrissenheit hören.
  • Christus als Grund der Befreiung entdecken.
  • Aus Vergebung Verantwortung und neue Schritte gewinnen.

Liebe Gemeinde, stellen wir uns einen Mann vor, der am Küchentisch sitzt. Neben der Tasse liegt sein Telefon. Seit Tagen will er seine Tochter anrufen. Das letzte Gespräch ist schiefgegangen. Er hatte einen Rat gegeben, den niemand erbeten hatte. Sie hatte geantwortet, er solle ihr endlich zutrauen, ihr eigenes Leben zu führen. Dann war es still geworden. Heute will er sagen: Es tut mir leid. Kein Vortrag, keine Rechtfertigung. Nur diese vier Worte. Er nimmt das Telefon, schaut auf ihren Namen und legt es wieder hin.

Vielleicht braucht sie auch einmal Zeit, denkt er. Vielleicht sollte sie zuerst anrufen. Schließlich hat er es gut gemeint. Während er so denkt, spürt er schon, wie aus seinem ehrlichen Vorsatz eine Verteidigungsrede wird. Er möchte die Beziehung öffnen. Stattdessen schließt er sich in seinen Gründen ein. Das Telefon bleibt liegen. Der Kaffee wird kalt. Und etwas in ihm weiß: Morgen wird der erste Schritt wahrscheinlich nicht leichter sein.

Wir müssen uns in dieser Geschichte nicht genau wiederfinden. Aber den Abstand zwischen dem, was wir wollen, und dem, was wir tun, kennen viele von uns. Wir wollten geduldiger sein. Dann kam ein Satz, der uns traf. Wir wollten einen Menschen besuchen. Dann verging die Woche. Wir wollten uns nicht wieder in eine endlose Folge von Nachrichten hineinziehen lassen. Dann saßen wir eine Stunde später noch immer vor dem Bildschirm, unruhiger als zuvor. Unser Wille war ehrlich. Er hat uns trotzdem nicht sicher ans Ziel gebracht.

In diesen Novembertagen wird es früh dunkel. Auch das Kirchenjahr nähert sich seinem Ende. Es gibt Raum für Fragen, die wir im hellen Betrieb des Alltags leicht übergehen: Was ist aus meinen guten Absichten geworden? Was trage ich schon lange mit mir herum? Und worauf darf ich hoffen, wenn ich mich selbst nicht so verändern kann, wie ich es gern möchte?

Paulus redet darüber erstaunlich offen. In unserem Predigttext erklärt er nicht von oben herab, wie andere Menschen sich bessern müssten. Er spricht in der ersten Person. Er beschreibt einen Menschen, der das Gute erkennt und ihm zustimmt, aber in seinem Handeln hinter dieser Einsicht zurückbleibt. Wir hören keinen makellosen Glaubenshelden. Wir hören eine Stimme, die den Widerspruch aushält und ihn nicht mit einer frommen Antwort überdeckt.

Wessen Stimme genau Paulus hier entfaltet, wird unterschiedlich verstanden. Beschreibt er seine eigene Erfahrung? Führt er uns den Menschen vor Augen, der unter Gottes Gebot seine Gefangenschaft erkennt? Für unser Hören ist entscheidend: Dieses Ich macht eine menschliche Not hörbar, die auch Glaubenden vertraut bleibt. Zu wissen, was richtig wäre, ist noch keine Befreiung. Ein Mensch kann dem Guten zustimmen und dennoch in alten Mustern feststecken.

Das Gebot ist deshalb nicht schlecht. Es ist gut, dass wir unseren Nächsten lieben sollen. Es ist gut, dass Lüge, Gewalt und Habgier nicht einfach als unvermeidlich gelten. Gottes Wille schützt Leben. Doch ein Wegweiser trägt uns nicht über die Straße. Er zeigt die Richtung. Unsere Angst, unser verletzter Stolz und unsere Gewohnheiten verschwinden dadurch nicht. Manchmal fühlen wir uns gerade durch die klare Richtung noch deutlicher mit unserem Unvermögen konfrontiert.

Paulus gebraucht dafür ein schweres Wort: Sünde. Wir hören darin oft einzelne Verfehlungen, die man aufzählen und abhaken könnte. Bei ihm reicht es tiefer. Sünde beschreibt eine Macht, die Beziehungen beschädigt und uns um uns selbst kreisen lässt. Wir wollen geliebt werden und verlangen zugleich, dass andere unsere Sicht bestätigen. Wir wünschen Frieden und hüten unsere Kränkung. Wir brauchen Hilfe und wehren die Hand ab, die uns helfen könnte.

Auch sein Wort Fleisch müssen wir sorgfältig hören. Paulus erklärt unseren Körper nicht zum Feind. Unsere Hände, unsere müden Beine, unser Bedürfnis nach Nähe sind keine Schuld. Die körperlichen Grenzen des Alters sind kein geistlicher Mangel. Gemeint ist hier das menschliche Leben unter jener Macht, die uns von Gott und voneinander wegzieht. Niemand muss sich seiner Gebrechlichkeit schämen, um diesen Text ernst zu nehmen. Er spricht von Gefangenschaft, nicht von einer verächtlichen Bewertung des Körpers.

Das ist wichtig, wenn wir lange Lebensgeschichten mitbringen. Da stehen gelungene Jahre neben Dingen, die uns beschämen. Ein Mensch erinnert sich an die Fürsorge für seine Familie und zugleich an seine Härte. Eine andere hat viel getragen und fragt sich, ob sie ihre eigenen Kinder wirklich gehört hat. Solche Erinnerungen brauchen einen behutsamen Raum. Eine Predigt sollte sie nicht hastig schließen. Es darf ausgesprochen werden, was noch weh tut.

Manches davon lässt sich heute verändern. Manches nicht mehr. Vielleicht ist der Mensch, den wir um Verzeihung bitten möchten, gestorben. Vielleicht bleibt ein Brief unbeantwortet. Vielleicht können wir nur noch Gott sagen, was wir einem anderen gern gesagt hätten. Auch das ist ein wahrhaftiger Schritt. Wir müssen keine Versöhnung erfinden, die nicht geschehen ist. Wir dürfen unsere unvollendete Geschichte vor Gott bringen, ohne ihr vorher ein schönes Ende geben zu müssen.

Paulus nimmt uns jedoch nicht die Verantwortung ab. Wenn er die Macht der Sünde beschreibt, sagt er nicht: Dann kann ich nichts dafür. Seine Worte sind keine Entschuldigung für verletzendes Verhalten. Sie erklären vielmehr, warum wir mehr brauchen als den nächsten Vorsatz. Wer einen Menschen gekränkt hat, muss die Kränkung ernst nehmen. Wer Macht missbraucht hat, muss sich begrenzen lassen. Vergebung verlangt von den Verletzten nicht, sich erneut schutzlos derselben Situation auszusetzen.

Wir können an Petrus denken. Er wollte Jesus treu bleiben. Er traute seinem eigenen Mut. Als die Angst übermächtig wurde, verleugnete er den, den er liebte. Seine Geschichte im Evangelium zeigt, wie schmerzlich ein Mensch an sich selbst scheitern kann. Doch der auferstandene Christus sucht ihn wieder auf. Petrus wird nicht durch einen nachträglichen Beweis seiner Tapferkeit neu berufen. Er wird angesprochen, gefragt und erneut in Verantwortung genommen.

Vielleicht verstehen wir von dort aus auch unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden besser. Wir Erwachsenen bitten euch um Ehrlichkeit, Zusammenhalt und Rücksicht. Zugleich seht ihr, wie wir streiten, ausweichen und vorschnell urteilen. Ihr dürft diesen Widerspruch bemerken. Der Glaube verlangt nicht, ihn zu übersehen. Und wenn ihr selbst erlebt, dass ihr in einer Gruppe mitgelacht habt, obwohl jemand bloßgestellt wurde, seid ihr mit der Scham darüber nicht allein.

Ein neuer Anfang könnte heißen, dieser Person später zu schreiben: Das war nicht in Ordnung. Ich habe mitgemacht. Es tut mir leid. Vielleicht kommt keine freundliche Antwort. Dennoch ist dieser Schritt wichtig. Wir lernen dabei, dass unser Ansehen in der Gruppe nicht alles entscheiden muss. Auch Eltern können so anfangen. Ein ehrliches Eingeständnis nimmt ihnen nicht ihre Würde. Es zeigt ihren Kindern, wie Erwachsene Verantwortung übernehmen können, ohne ihre Fehler schönzureden.

Woher kommt die Kraft dazu? Paulus steigert seinen Text nicht zu einer Anleitung, mit der man endlich vollkommen wird. Er gerät an die Grenze seiner eigenen Möglichkeiten. Dort fragt er nach Erlösung. Seine Antwort lautet: „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“ Dieser Dank öffnet den verschlossenen Raum. Paulus muss sein Leben nicht mehr ausschließlich aus seiner eigenen Kraft heraus retten. Christus tritt in seine Not hinein.

Wir denken dabei an Jesu Kreuz. Dort hält Gott die beschädigte Welt aus. Jesus trägt die Folgen menschlicher Feindschaft und antwortet mit einer Liebe, die sich nicht nach unserem Erfolg richtet. Seine Auferstehung eröffnet eine Zukunft, die unsere Schuld nicht aus eigener Kraft hervorbringen kann. Wir müssen uns vor Gott nicht erst zu einem vorzeigbaren Menschen machen. Wir dürfen zu ihm kommen mit dem, was wir getan und unterlassen haben.

Im nächsten Kapitel seines Briefes beschreibt Paulus diese neue Wirklichkeit als ein Leben, das in Christus nicht mehr unter dem endgültigen Urteil der Verurteilung steht. Das ist keine Behauptung, alles sei harmlos gewesen. Es ist die Zusage, dass Schuld nicht mehr das letzte Wort über unsere Person behält. Wir werden frei, genauer hinzusehen. Weil Gottes Liebe uns hält, müssen wir uns nicht durch Verdrängen und Gegenangriffe zusammenhalten.

Der Mann am Küchentisch könnte also noch einmal zum Telefon greifen. Nicht weil er inzwischen sicher weiß, dass das Gespräch gut ausgehen wird. Er kann es nicht wissen. Er könnte sagen: Ich möchte dir etwas sagen, ohne mich zu verteidigen. Dann schweigen und zuhören. Vielleicht wäre das Zuhören der schwierigere Teil. Vielleicht würde er wieder ungeduldig. Auch dann bliebe die Möglichkeit, innezuhalten: Ich merke, dass ich schon wieder erkläre. Ich will dich erst verstehen.

So sieht Veränderung oft aus. Sie kommt nicht als glänzender Sieg über alle Schwächen. Sie wächst in konkreten Unterbrechungen. Ein Atemzug vor der scharfen Antwort. Eine Nachfrage, bevor wir jemandem Absichten unterstellen. Ein Gespräch mit einem Menschen, der unsere Ausreden freundlich, aber klar erkennt. Mitunter brauchen wir fachliche Unterstützung. Auch sie kann ein Weg sein, auf dem Hilfe uns erreicht. Gnade macht solche Hilfe nicht überflüssig.

Unsere digitale Welt bietet dafür Chancen und Versuchungen. Eine Nachricht kann Kontakt ermöglichen, wenn ein Besuch schwer geworden ist. Dieselbe Geschwindigkeit kann uns dazu bringen, etwas Verletzendes sofort weiterzuschicken. Wir dürfen lernen, eine Nachricht erst später zu beantworten. Wir dürfen um Erklärung bitten, wenn ein digitales Verfahren uns überfordert. Und wir dürfen helfen, ohne jemanden wegen seines Nichtwissens kleinzumachen. Auch Geduld lässt sich im Umgang mit einem Bildschirm üben.

Für die Gemeinde gilt das ebenfalls. Wir möchten offen sein und hängen doch an Gewohnheiten, die anderen den Zugang erschweren. Wir wünschen Beteiligung und werden unruhig, wenn neue Menschen anders entscheiden. Dann hilft uns keine schöne Selbstdarstellung. Wir brauchen die Freiheit, einen Fehler gemeinsam anzusehen. Eine Leistungskennzahl kann Auskunft über Besuche oder Finanzen geben. Ob Menschen sich mit ihrer wirklichen Geschichte willkommen fühlen, erfahren wir erst, wenn wir ihnen zuhören.

Eine Gemeinde als Ort der Tiefe wäre ein solcher Raum. Dort müsste niemand seine Lebensbilanz beschönigen. Dort könnte jemand sagen: Ich habe Angst, dass ich wieder so reagiere wie früher. Und ein anderer könnte antworten: Wir beten miteinander. Wir suchen einen nächsten Schritt. Wir achten darauf, dass niemand verletzt wird. Solche Gemeinschaft erspart uns die Verantwortung nicht. Sie hilft uns, diese Verantwortung nicht allein und nicht ohne Hoffnung zu tragen.

Wir können uns dafür einen Augenblick im Gottesdienst vorstellen. Nach dem gemeinsamen Gebet bleibt eine kleine Stille. Niemand fragt nach einem Bericht über unsere Fortschritte. Wir sitzen nebeneinander mit sehr verschiedenen Geschichten. Vielleicht hat jemand heute zum ersten Mal den Mut, sich vor Gott einen Fehler einzugestehen. Vielleicht erkennt ein anderer, dass er eine fremde Schuld nicht länger tragen muss. Beide brauchen das Evangelium. Beide dürfen hören, dass Christus ihnen nahekommt und einen Weg eröffnet.

Auch die Erinnerung an unsere Taufe kann uns dabei helfen. Wir gehören Christus schon, bevor wir unsere Lebensgeschichte geordnet haben. Diese Zugehörigkeit gibt uns keine Erlaubnis, andere zu verletzen. Sie gibt uns einen festen Ausgangspunkt, von dem aus wir unser Verhalten überprüfen können. Wir müssen nicht bei jeder misslungenen Begegnung neu entscheiden, ob Gott uns noch annehmen könnte. Wir können zu ihm zurückkehren und bitten: Hilf mir, aus deiner Liebe heraus anders zu handeln.

Vielleicht werden wir dabei langsam. Langsamer im Urteil über andere und genauer im Blick auf uns selbst. Wer die eigene Zerrissenheit kennt, muss fremde Fehler nicht kleinreden, aber er braucht sich auch nicht über andere zu erheben. Wir können einander zur Verantwortung rufen und zugleich wissen, dass wir alle auf Gnade angewiesen bleiben. Darin liegt eine Freiheit, die unseren Umgang miteinander verändern kann.

Heute muss daraus kein großer Plan werden. Vielleicht fällt uns ein Name ein. Vielleicht eine Entschuldigung, die wir aufschieben. Vielleicht eine Grenze, die wir endlich respektieren sollten. Wir können Gott darum bitten, dass er unseren guten Willen mit einem kleinen wirklichen Schritt verbindet. Und wo dieser Schritt heute noch nicht gelingt, dürfen wir wiederkommen. Unsere Hoffnung liegt in Christus, der uns sucht und hält. Auch am stillen Küchentisch. Auch mit dem Telefon in der Hand. Amen.

 

11.11.2026 | Martinstag | Matthäus 25,31–40 | Reihe II

Predigtkern: Christus begegnet uns in Menschen, deren Not leicht übersehen wird. Seine Nähe befreit uns zu einer Aufmerksamkeit, die konkret hilft und die Würde des anderen wahrt.

Gliederung:

  • Beim Martinszug einen übersehenen Menschen wahrnehmen.
  • Den königlichen Christus in den Bedürftigen entdecken.
  • Hilfe geben und Hilfe empfangen lernen.
  • Als Gemeinde verlässlich für andere da sein.

Liebe Gemeinde, stellen wir uns einen Martinszug vor. Kinder tragen Laternen. Manche leuchten gleichmäßig, andere flackern. Eine Mutter hält mit einer Hand die Laternenstange und sucht mit der anderen nach einem verlorenen Handschuh. Vorn sitzt jemand als Martin verkleidet auf einem Pferd. Die Erwachsenen kennen die Geschichte. Gleich wird der Mantel geteilt. Ein Kind schaut gespannt nach vorn. Sein Großvater aber bleibt zurück. An der Ecke steht ein Mann ohne Laterne. Er hat eine dünne Jacke an.

Der Großvater weiß nicht, ob der Mann wartet, ob er zufällig dort steht oder ob er Hilfe braucht. Für einen Augenblick sieht er ihn an. Dann sucht er wieder das Enkelkind in der Menge. Er will es nicht verlieren. Das ist verständlich. Aber später, als die Lieder verklungen sind, denkt er an diese dünne Jacke. Sie passt nicht recht in die warme Erinnerung an das Fest. Die erzählte Mantelteilung und der Mensch an der Straßenecke kommen ihm gleichzeitig in den Sinn.

Wir kennen solche Augenblicke. Wir feiern etwas Gutes, und am Rand steht eine Wirklichkeit, für die gerade kein Platz zu sein scheint. Bei einem Gemeindefest hilft jemand seit Stunden in der Küche und hat noch nichts gegessen. In einem Haus wohnen wir Tür an Tür und merken erst spät, dass eine Nachbarin kaum noch Besuch bekommt. Wir müssen nicht jedem Blick eine Not unterstellen. Aber manchmal ahnen wir: Hier könnte ein kurzes Innehalten mehr verändern als mein bisheriger Plan.

Am Martinstag erinnern wir uns an das Teilen. Mitten im November zieht eine Geschichte von Wärme und Zuwendung durch die dunklen Straßen. Unser Predigttext führt uns dabei über die schöne Erinnerung hinaus. Er fragt nach Christus. Wo begegnet er uns? Woran erkennen wir seine Gegenwart? Und welche Bedeutung bekommen Menschen, die wir im alltäglichen Gedränge kaum beachten?

Jesus erzählt von der Vollendung der Welt. Der Menschensohn erscheint in königlicher Herrlichkeit. Wir hören von einem Thron, von Engeln und von versammelten Völkern. Es ist ein gewaltiges Bild. Unsere erste Erwartung wäre vielleicht, dass nun die Mächtigen aufgerufen werden, die berühmten Namen, die Menschen mit großen Leistungen. Doch Jesu Erzählung lenkt die Aufmerksamkeit auf unscheinbare Begegnungen. Dort wird sichtbar, was das Zusammenleben getragen und was es beschädigt hat.

Der König spricht von Menschen, deren elementare Bedürfnisse Hilfe verlangen. Dann stellt sich heraus: Er selbst war ihnen nahe. Er verbindet sich mit den Geringsten. Die Menschen, die geholfen haben, sind überrascht. Sie hatten keine königliche Erscheinung gesehen. Sie hatten auch kein Schild vor sich, auf dem stand: Hier könnt ihr Gott einen Dienst erweisen. Sie hatten einen Menschen bemerkt. Nun erfahren sie, welche Tiefe diese Begegnung in Gottes Augen hatte.

Jesus sagt: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Mehr müssen wir zunächst nicht erklären. Wir können diesen Satz auf uns wirken lassen. Christus lässt die Not anderer an sich heran. Er stellt sich an ihre Seite. Ihre Würde hängt nicht davon ab, ob sie erfolgreich sind, ob sie sich gut ausdrücken oder ob wir ihre Geschichte verstehen. Er macht ihre Behandlung zu einer Frage unserer Beziehung zu ihm.

Wer genau mit diesen geringsten Brüdern gemeint ist, wurde und wird unterschiedlich ausgelegt. Im Matthäusevangelium liegt auch der Gedanke an bedrängte Menschen nahe, die zu Jesus gehören und seine Botschaft weitertragen. Wir sollten diese Frage nicht überspringen. Zugleich steht Jesu Wort im Horizont seiner ganzen Zuwendung: Er hat Menschen aufgerichtet, die andere an den Rand drängten. Seine Liebe lehrt uns deshalb, menschliche Bedürftigkeit ernst zu nehmen, ohne zuerst einen Anspruch auf Zugehörigkeit zu prüfen.

Die Szene spricht vom Gericht. Das ist ein ernstes Wort. Es sagt uns, dass Gleichgültigkeit nicht folgenlos bleibt. Ein Mensch kann verletzt werden, weil niemand einschreitet. Einsamkeit kann tiefer werden, weil alle denken, jemand anderes werde sich schon kümmern. Gottes Gerechtigkeit nimmt das wahr. Gerade für die Übersehenen kann dieser Gedanke tröstlich sein: Was dir widerfahren ist, verschwindet nicht im Schweigen. Deine Not hat vor Gott Gewicht.

Aber wir sollten aus diesem Text keine Liste machen, mit der wir uns einen Platz bei Gott verdienen wollen. Schon die überraschte Rückfrage der Helfenden passt nicht zu einem solchen Rechnen. Sie haben ihre Zuwendung nicht als geistliches Guthaben verbucht. Auch das verheißene Reich wird als Erbe zugesprochen. Es ist eine Gabe. Unser Handeln ist wichtig, weil Menschen es brauchen und Christus ihnen nahe ist. Seine Gnade öffnet uns für sie.

Vielleicht legt eine ältere Frau im Gemeindehaus einen selbst gestrickten Schal auf den Tisch. Sie hat früher vieles organisiert. Jetzt werden ihre Hände schneller müde. Sie kann nicht mehr drei Abende hintereinander unterwegs sein. Den Schal hat sie langsam fertiggestellt. Jemand fragt, für wen er sei. Sie antwortet: Für einen Menschen, der friert. Dabei muss sie nicht wissen, welchen Eindruck ihre Gabe machen wird. Sie bringt das, was heute möglich ist.

Ein anderer könnte keine Masche stricken. Er kann aber einen Brief lesen und den schwierigen Satz darin erklären. Wieder jemand kann einen Menschen zur Haltestelle begleiten. Eine Konfirmandin entdeckt, dass der Platz neben ihr frei ist, während ein anderer allein am Rand sitzt. Es braucht keine romantische Vorstellung, wonach jede kleine Geste die ganze Welt verändert. Oft verändert sie zunächst diesen einen Nachmittag. Das ist schon viel für den Menschen, der ihn sonst allein verbracht hätte.

Für unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden könnte die Frage deshalb ganz praktisch werden: Wer wird in unserer Gruppe regelmäßig übersehen? Vielleicht ist es jemand, der leise spricht. Vielleicht ein Mensch, der immer zu spät versteht, worüber die anderen lachen. Wir müssen keine Freundschaft vorspielen, die noch nicht gewachsen ist. Aber wir können einen Platz anbieten, eine verletzende Bemerkung stoppen oder nachfragen, ob jemand mitkommen möchte. Erwachsene können dabei mitlernen, statt nur Ratschläge zu verteilen.

In der Geschichte vom barmherzigen Samariter fragt Jesus nicht nach einer grenzenlosen Zuständigkeit für alles Leid. Er erzählt von einem konkreten Menschen am Weg und von einer Hilfe, die auch weiter organisiert wird. Der Samariter versorgt die Wunden, bringt den Verletzten an einen sicheren Ort und bezieht einen anderen Menschen ein. So kann auch unsere Hilfe verlässlich werden. Wir müssen nicht alles selbst können. Wir dürfen die passende Unterstützung suchen und Verantwortung teilen.

Denn manches braucht mehr als guten Willen. Wer friert, braucht Wärme. Wer dauerhaft ohne sichere Unterkunft lebt, braucht Menschen und Einrichtungen, die sich auskennen. Wer Gewalt erlebt, braucht Schutz. Eine freundliche Begegnung kann der Anfang sein, ersetzt aber nicht jede weitere Hilfe. Wir dürfen sagen: Ich weiß nicht genau, was jetzt richtig ist. Ich möchte mit dir überlegen, wer helfen kann. Solche Ehrlichkeit schützt beide Seiten vor falschen Versprechen.

Dabei müssen wir fragen, welche Hilfe der andere tatsächlich möchte. Ein alter Mensch möchte vielleicht keinen Rat, sondern selbst entscheiden, wann jemand kommt. Eine kranke Frau braucht vielleicht keine aufmunternde Geschichte, sondern eine stille Stunde ohne Erwartungen. Ein Mensch mit wenig Geld will nicht vor anderen vorgeführt werden. Hilfe wird menschlich, wenn sie die eigene Stimme des anderen hört. Auch Christus begegnet Menschen mit Fragen und lässt sich von ihrer Antwort ansprechen.

Und nun kommt eine Seite dieser Predigt, die uns manchmal schwerer fällt: Wir können selbst auf Hilfe angewiesen sein. Vielleicht hören wir Jesu Worte und denken sofort daran, was wir alles nicht mehr schaffen. Unser Radius ist kleiner geworden. Der Besuch kostet Kraft. Die eigenen Hände brauchen Halt. Dann dürfen wir uns sagen lassen: Auch ein Mensch, der Hilfe empfängt, steht mitten in dieser Geschichte. Er ist kein misslungenes Gegenbild zu den tätigen Helfenden.

Vor Gott verlieren wir unsere Würde nicht, wenn jemand uns das Glas reicht. Wir müssen uns Zuwendung nicht durch besondere Dankbarkeit verdienen. Natürlich freuen wir uns über eine freundliche Antwort. Aber Hilfe bleibt notwendig, auch wenn ein Mensch erschöpft, verwirrt oder still ist. Jesus bindet seine Nähe nicht daran, dass Bedürftige angenehm auftreten. Das bewahrt uns davor, nur dort zu helfen, wo wir anschließend ein gutes Gefühl mit nach Hause nehmen.

Vielleicht erinnern wir uns daran, wie Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht. Petrus wehrt sich zuerst dagegen. Er möchte seinen Herrn nicht in dieser dienenden Haltung sehen. Doch Jesus lässt sich nicht auf die Rolle des unberührbaren Würdenträgers festlegen. Gottes Liebe erreicht den staubigen Alltag. Auch darin liegt eine Einladung: Wir dürfen uns dienen lassen. Wer Hilfe annimmt, ermöglicht einem anderen eine Beziehung, in der keiner nur stark sein muss.

Gerade bei digitalen Aufgaben wird das sichtbar. Ein Enkel erklärt seiner Großmutter, wie eine Nachricht mit einem Foto verschickt wird. Er könnte ungeduldig alle Schritte selbst erledigen. Dann wäre die Aufgabe gelöst, die Großmutter aber bliebe abhängig und vielleicht beschämt. Er kann auch neben ihr sitzen und warten, bis sie selbst die richtige Stelle findet. Später erzählt sie ihm etwas, das er über seine Familie noch nicht wusste. Hilfe kann in beide Richtungen wachsen.

Unsere Stadt bietet viele Möglichkeiten und viele anonyme Wege. Ein Mensch kann unter Tausenden unterwegs sein und dennoch niemanden haben, der seinen Namen nennt. Für eine Gemeinde entsteht daraus eine Aufgabe. Sie kann Verbindung stiften. Ein erreichbares Telefon, ein verlässlicher Besuch, eine Sprechstunde ohne digitale Hürde, ein gemeinsames Essen: Das sind Formen, in denen aus der großen Rede von Gemeinschaft eine konkrete Erfahrung wird. Wir müssen dafür nicht erst perfekte Räume haben.

Wenn wir über die Zukunft der Kirche beraten, brauchen wir Zahlen und vernünftige Entscheidungen. Eine Leistungskennzahl kann zeigen, wie viele Menschen ein Angebot erreichen. Aber die Bedeutung einer Begegnung lässt sich nicht vollständig zählen. Vielleicht kommt zu einem Nachmittag nur eine Person, die nach Monaten erstmals ein wirkliches Gespräch führt. Wir sollten genau hinschauen, bevor wir sagen, da sei wenig geschehen. Auch das unscheinbare Leben verdient unsere Aufmerksamkeit.

Solche Aufmerksamkeit ist keine unbegrenzte Verpflichtung. Wer pflegt, begleitet und organisiert, braucht selbst Ruhe. Wir dürfen Grenzen benennen und Dienste verteilen. Niemand soll unter der Predigt den Eindruck gewinnen, Christus verlange die völlige Erschöpfung. Eine Gemeinde kann gerade darin barmherzig sein, dass sie ihre Helfenden mitträgt. Wir dürfen einander fragen: Wer entlastet dich? Wann kannst du ausruhen? Verlässliche Hilfe wächst besser, wenn Menschen nicht allein damit bleiben.

Kehren wir zu unserem Martinszug zurück. Vielleicht begegnet der Großvater dem Mann an der Ecke noch einmal. Er könnte fragen, ob er etwas braucht. Vielleicht lautet die Antwort: Nein, ich warte auf jemanden. Dann war die Frage dennoch nicht vergeblich. Vielleicht ergibt sich ein Gespräch. Vielleicht weiß der Großvater eine Möglichkeit, die weiterhilft. Er muss die Geschichte nicht zu einer heldenhaften Mantelteilung machen. Er darf einfach aufmerksam bleiben.

Vielleicht geschieht solche Entlastung ganz unauffällig. Nach einem Besuch sagt jemand: Nächste Woche kann ich übernehmen. Die bisherige Begleiterin atmet auf. Sie hat schon überlegt, wie sie alle Aufgaben schaffen soll, und wollte niemanden enttäuschen. Nun kann sie einen freien Nachmittag annehmen. Auch das gehört zur Geschichte der Barmherzigkeit. Wir helfen dem Menschen, der besucht wird, und zugleich dem Menschen, der ihn bisher allein begleitet hat.

Im Gottesdienst können wir diese verschiedenen Seiten unseres Lebens vor Christus bringen. Die Hände, die geben können. Die Hände, die selbst Halt suchen. Die Augen, die manches übersehen haben. Wir bitten nicht darum, endlich überall unentbehrlich zu werden. Wir bitten um einen wachen Blick und um verlässliche Gemeinschaft. Christus kennt unsere Möglichkeiten und unsere Bedürftigkeit. Seine Nähe verbindet uns, auch wenn wir heute sehr Verschiedenes mitbringen.

Die Laternen werden irgendwann gelöscht. Der geliehene Mantel wird zurückgebracht. Die Frage nach Christus bleibt. Wir erwarten ihn als den Herrn, der die Welt zurechtbringt. Und wir dürfen ihm schon heute begegnen, wo ein Mensch uns braucht, wo Hilfe angenommen wird und wo Würde geschützt bleibt. Seine Nähe geht mit uns hinaus auf die Straße. Vielleicht steht dort schon jemand, den wir bisher nur flüchtig gesehen haben. Möge Gott unseren Blick öffnen und unseren Händen Geduld geben. Amen.

 

18.11.2026 | Buß- und Bettag | Jesaja 1,10–18 | Reihe II

Predigtkern: Gott ruft uns zu einer Umkehr, die den verletzlichen Menschen Recht verschafft. Seine Vergebung macht es möglich, Verdrängtes anzusehen und Gutes neu zu lernen.

Gliederung:

  • Den Abstand zwischen guten Worten und dem Gemeindeleben erkennen.
  • Jesajas Kritik als Gottes Ruf zu gerechtem Handeln hören.
  • Umkehr konkret und ohne Selbstüberforderung gestalten.
  • Aus Gottes Vergebung einen neuen Anfang wagen.

Liebe Gemeinde, stellen wir uns eine Sitzung im Gemeindehaus vor. Auf dem Tisch stehen Wasserflaschen. Jemand hat Kekse mitgebracht. Es geht um das kommende Jahr. Welche Veranstaltungen können bleiben? Welche Räume werden gebraucht? Wie erreichen wir Menschen, die bisher nicht kommen? Die Überlegungen sind ernsthaft. Niemand möchte jemanden ausschließen. Am Ende wird ein schöner Satz für die neue Einladung vorgeschlagen: Bei uns sind alle willkommen. Die Runde stimmt zu.

Eine Frau, die bisher wenig gesagt hat, meldet sich noch einmal. Sie fragt: Gilt das auch für den Mann, der die Stufen vor unserer Tür nicht schafft? Einen Augenblick ist es still. Dann sagt jemand: Das haben wir auf der Liste. Natürlich haben wir das. Es gibt nur viele Listen und wenig Geld. Die Frau nickt. Sie will die anderen nicht bloßstellen. Aber sie erzählt, dass der Mann schon zweimal umgekehrt ist. Er hat die Einladung gelesen. Nur hinein konnte er nicht.

Eine erfundene Szene, und doch könnte sie sich so oder ähnlich ereignen. Sie erzählt von Menschen, die das Gute wollen. Von begrenzten Möglichkeiten. Von einer Schwierigkeit, die leicht in den Unterlagen verschwindet. Und von einem Menschen, dessen Erfahrung sich nicht durch einen freundlichen Satz ersetzen lässt. An dieser Stelle beginnt die Frage des heutigen Tages: Wie finden unsere Worte den Weg in unser Handeln? Und was muss sich ändern, damit unsere Hoffnung für andere erreichbar wird?

Der Buß- und Bettag liegt in den stiller werdenden Wochen am Ende des Kirchenjahres. Wir halten inne, bevor alles schon wieder auf das nächste Fest zuläuft. Buße bedeutet hier, uns von Gott neu ausrichten zu lassen. Wir dürfen ansehen, was wir sonst umgehen. Auch die Dinge, die in einer guten Absicht begonnen haben und trotzdem jemanden verletzt oder ausgeschlossen haben. Gebet kann uns dafür einen offenen, wahrhaftigen Raum geben.

Doch Jesaja lässt es nicht bei einer freundlichen Einladung zum Nachdenken. Der Prophet redet scharf. Er richtet sich an Menschen, die religiös viel aufbringen. Ihr Gottesdienst ist nicht einfach verschwunden. Es wird gefeiert und gebetet. Die Formen sind vorhanden. Gerade dort erhebt Gott durch den Propheten Einspruch. Religiöse Geschäftigkeit kann mit Unrecht zusammenleben. Die Gebärden der Frömmigkeit machen es nicht unsichtbar.

Die anstößige Anrede mit den Namen Sodom und Gomorra trifft die Menschen in Juda und Jerusalem. Jesaja redet also im eigenen Volk. Das ist wichtig für unser christliches Hören. Wir dürfen diesen Text nicht als Beweis benutzen, damals sei Israels Religion äußerlich gewesen und erst die Kirche habe den wahren Glauben gebracht. Wir hören hier Israels eigene prophetische Stimme. Durch sie lassen auch wir uns befragen. Wir stehen mit unserer Praxis unter diesem Wort.

Gott verlangt nicht, dass Menschen ihre Lieder oder ihre Gebete grundsätzlich aufgeben. Er wendet sich gegen eine Frömmigkeit, die Unrecht verdeckt und zugleich fortsetzt. Die Kritik ist so hart, weil Menschen zu Schaden kommen. Unser Text spricht nicht nur von kleinen Unhöflichkeiten. Er nimmt Gewalt und Unterdrückung ernst. Wo Menschen bedrängt werden, reicht es nicht, feierlich über Frieden zu sprechen. Dort muss Schutz möglich werden.

Wir sollten diese Schärfe auch nicht gegen uns selbst verharmlosen. Ein Gottesdienst kann schön sein, und dennoch kann jemand darin beschämt werden. Eine Gemeinde kann von Offenheit reden und Beschwerden jahrelang abwehren. Eine Institution kann sich fürsorglich nennen und den eigenen Ruf wichtiger nehmen als die Erfahrung der Verletzten. Solche Widersprüche lassen sich nicht mit zusätzlicher Frömmigkeit beheben. Sie verlangen Aufklärung, verlässliche Grenzen und Veränderungen im Handeln.

Zugleich hören wir Jesaja nicht, um nun alle Schuld auf einmal auf unsere Schultern zu laden. Ein Mensch, der ohnehin alles gegen sich selbst wendet, braucht keine neue Bestätigung seines vernichtenden Urteils. Wir müssen unterscheiden: Was habe ich getan? Was hätte ich beeinflussen können? Was lag außerhalb meiner Möglichkeiten? Wo bin ich selbst verletzt worden? Gott führt uns zur Wahrheit. Dazu gehört auch, Verantwortung nicht dort abzuladen, wo sie nicht hingehört.

In unserem Text gibt es einen Satz, der nach der heftigen Anklage eine Tür öffnet: „lernt Gutes tun!“ Lernen bedeutet, dass der nächste Schritt möglich ist. Wir werden nicht aufgefordert, augenblicklich vollkommen zu sein. Wir werden in eine Bewegung gerufen. Gutes Handeln braucht Übung, Aufmerksamkeit und manchmal eine Korrektur durch andere. Wer lernen will, darf sagen: Ich habe es bisher nicht verstanden. Zeig mir, was mein Verhalten bei dir ausgelöst hat.

Die Frau in unserer Sitzung könnte genau das ermöglichen. Sie behauptet nicht, es gebe für jede Schwierigkeit eine einfache Lösung. Vielleicht kann der Eingang nicht sofort umgebaut werden. Aber die Runde kann den Mann fragen, welche Veranstaltungen er besuchen möchte und welche Unterstützung ihm wirklich hilft. Vielleicht wird zunächst ein zugänglicher Raum genutzt. Vielleicht muss ein Angebot anders organisiert werden. Lernen beginnt damit, dass seine Erfahrung die Beratung verändert.

Wir hören im Text von Menschen, die wenig Schutz und Einfluss haben. Jesaja fordert, ihnen Recht zu verschaffen. Dabei reicht Mitleid nicht aus. Ein Mensch braucht eine faire Behandlung, auch wenn er keine bewegende Geschichte erzählen kann. Eine Witwe muss nicht erst besonders sympathisch sein, damit ihre Angelegenheit ernst genommen wird. Ein Kind muss sich Schutz nicht verdienen. Gerechtigkeit fragt danach, was jemandem zusteht, bevor sie nach unserer persönlichen Neigung fragt.

Das kann heute sehr alltäglich aussehen. Eine ältere Nachbarin versteht einen Bescheid nicht. Es geht um eine Leistung, die sie braucht. Sie sagt: Ich möchte niemandem zur Last fallen. Jemand könnte ihr einen kleinen Geldbetrag geben, und das wäre vielleicht eine Hilfe für heute. Ein anderer setzt sich mit ihr an den Tisch, liest den Bescheid und sucht eine fachkundige Beratungsstelle. So kommt auch ihr Anspruch zur Sprache. Sie wird nicht auf die Rolle einer dankbaren Empfängerin festgelegt.

Oder wir denken an unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden. In einer Gruppe wird ein unvorteilhaftes Foto weitergeschickt. Viele haben es gesehen. Einige sagen später, sie hätten selbst nichts geschrieben. Aber das Bild bleibt in der Gruppe, und der betroffene Mensch bleibt bloßgestellt. Gutes lernen könnte hier heißen, das Weiterleiten zu beenden, Unterstützung zu holen und die Verantwortung für den eigenen Anteil zu übernehmen. Eltern und andere Erwachsene müssen dabei erreichbar sein, ohne sofort zu urteilen.

Umkehr ist kein öffentliches Vorführen. Wir müssen aus einem Fehler keinen Menschen machen, der für immer nur noch dieser Fehler sein soll. Doch die Folgen gehören auf den Tisch. Wenn wir uns entschuldigen, lassen wir das angehängte Aber weg. Wir hören, was die andere Person braucht. Vielleicht wünscht sie Abstand. Vielleicht ist Vertrauen zunächst nicht möglich. Ein neuer Anfang kann angeboten werden; er darf dem verletzten Menschen nicht als Pflicht auferlegt werden.

Auch digital müssen wir Gerechtigkeit lernen. Eine Anmeldung nur über das Internet kann praktisch sein und dennoch Menschen ausschließen. Wir sollten prüfen, ob es auch einen persönlichen Weg gibt. Ein Mensch, der kein passendes Gerät besitzt oder mit einem Verfahren nicht zurechtkommt, ist deswegen nicht unwillig. Wir können Zugänge schaffen, ohne ihn zu belehren. Die Frage lautet dann: Wie gestalten wir unser Angebot so, dass seine Teilnahme tatsächlich möglich wird?

Manchmal wird es dabei unbequem. Ein anderes Verfahren kostet Zeit. Eine Beschwerde bringt Unruhe in eine Sitzung. Der Blick auf ein versäumtes Handeln verändert unser Selbstbild. Wir möchten eine hilfsbereite Gemeinde sein und entdecken, dass jemand uns anders erlebt hat. Es braucht Mut, diesen Widerspruch nicht sofort wegzuerklären. Wir können eine Erfahrung ernst nehmen, bevor wir wissen, welche Lösung daraus entsteht. Schon dieses Zuhören kann verhindern, dass ein Mensch ein zweites Mal allein gelassen wird.

Woher kommt der Mut? Jesajas Rede endet in unserem Abschnitt mit Gottes Einladung zum Gespräch. Gott zieht sich nicht endgültig aus der Beziehung zurück. Er ruft die Menschen zu sich, auch mit ihrer deutlich sichtbaren Schuld. Das Bild von einer Reinigung bis ins Helle spricht von einer Vergebung, die tiefer reicht als eine äußerliche Verschönerung. Der Mensch muss sich nicht selbst fleckenlos machen, bevor er vor Gott erscheinen darf.

Wir können das Bild hören, ohne so zu tun, als werde durch Vergebung jede Folge automatisch beseitigt. Eine zerstörte Beziehung braucht Zeit. Ein versäumter Schutz verlangt konkrete Vorkehrungen. Ein Mensch kann vergeben bekommen und dennoch etwas wiedergutmachen müssen. Gerade die Zusage, dass Gott uns nicht auf unsere Schuld festlegt, macht das möglich. Wir können uns der Verantwortung stellen, weil wir dabei nicht ins Bodenlose fallen müssen.

Im Evangelium begegnen wir dieser Bewegung bei Zachäus. Jesus kehrt bei einem Mann ein, dessen Umgang mit Geld anderen geschadet hat. Die Gemeinschaft, die Jesus ihm schenkt, löst etwas aus. Zachäus beginnt darüber nachzudenken, wie er Unrecht korrigieren und Besitz teilen kann. Wir sehen: Gottes Zuwendung erreicht einen Menschen und verändert seine Beziehung zu anderen. Sie kommt bis in jene Entscheidungen hinein, in denen Schuld konkrete Folgen bekommen hatte.

Auch Jesu Kreuz gehört in diesen Tag. Dort sehen wir, wie menschliche Gewalt den Unschuldigen trifft. Gott steht nicht fern bei denen, die ihr eigenes gutes Bild verteidigen. In Christus tritt er in die verletzte Welt ein. Die Auferstehung verheißt, dass die Gewalt nicht seine Liebe besiegt. Wenn wir um Vergebung bitten, wenden wir uns diesem Herrn zu. Er kennt die Tiefe unserer Verstrickung und eröffnet dennoch Zukunft.

Darum darf Beten heute sehr einfach werden. Wir können Gott einen konkreten Satz sagen: Hier habe ich nicht zugehört. Hier habe ich jemanden übergangen. Hier weiß ich nicht, wie ich weiterkomme. Wir können auch sagen: Hier brauche ich Schutz. Hier bin ich erschöpft. Hilf mir, meine Grenze anzuerkennen. Das Gebet bringt uns mit unserer wirklichen Lage vor Gott. Wir müssen keine allgemeine Schuldrede halten, um ernsthaft umzukehren.

Und dann können wir einen überschaubaren Schritt suchen. Einen Menschen anrufen. Einen Zugang überprüfen. Eine Beschwerde an die richtige Stelle weitergeben. Einen vereinbarten Schutz tatsächlich umsetzen. Die Zukunft unserer Kirche hängt auch daran, ob solche Schritte möglich sind. Eine Leistungskennzahl kann eine Entwicklung anzeigen. Ob Menschen fair behandelt werden, müssen wir anhand ihrer konkreten Erfahrungen prüfen. Dafür brauchen wir offene Ohren und Entscheidungen, die überprüfbar bleiben.

Vielleicht wird die Sitzung im Gemeindehaus beim nächsten Mal anders beginnen. Jemand fragt, bevor die Tagesordnung durchgegangen wird: Was hat unser Gespräch für den Mann vor der Treppe verändert? Es wird noch nicht alles gelöst sein. Aber seine Stimme ist nicht wieder verschwunden. Die Gemeinde lernt. Gottes Wort hat einen Weg in ihre Beratung gefunden. Und ihr Gebet bekommt Hände und Füße, ohne dass sie deshalb weniger betet.

Es kann uns helfen, eine solche Entscheidung nicht allein im Gefühl zu belassen. Wenn wir etwas verändern wollen, können wir festhalten, wer den nächsten Schritt übernimmt und wann wir wieder darüber sprechen. Dann wird aus der Betroffenheit eine verlässliche Zusage. Das wirkt vielleicht nüchtern. Für den Menschen, der auf Hilfe wartet, ist diese Nüchternheit kostbar. Er muss nicht jedes Mal von vorn erklären, warum sein Anliegen wichtig ist.

Dabei dürfen wir auch wahrnehmen, was bereits gelungen ist. Umkehr verlangt nicht, jeden guten Dienst geringzuschätzen. Menschen haben besucht, geschützt, erklärt und geteilt. Wir können dafür dankbar sein und zugleich genauer hinsehen, wo etwas fehlt. Dankbarkeit hilft uns, Kräfte zu erkennen. Kritik hilft uns, sie besser einzusetzen. Beides gehört in eine Gemeinde, die lernen will. Wir müssen uns weder selbst loben noch pauschal verurteilen. Wir dürfen vor Gott wahrhaftig werden und gemeinsam weitergehen.

So gehen wir durch diesen Buß- und Bettag. Wir müssen weder unsere Fehler verteidigen noch unser ganzes Leben verwerfen. Wir dürfen uns rufen lassen. Gott hält die Beziehung offen und führt uns zu denen, deren Recht wir bisher übersehen haben. Seine Vergebung schenkt Boden unter die Füße. Auf diesem Boden können wir neu anfangen, aufmerksam und verantwortlich. Wir bitten ihn um die Geduld zum Lernen und um den Mut, das Gelernte zu tun. Amen.

 

25.11.2026 | Im Anschluss an den Ewigkeitssonntag | Offenbarung 21,1–7 | Reihe II

Predigtkern: Gott verheißt eine Zukunft, in der er bei den Menschen wohnt und ihre Tränen ernst nimmt. In Christus dürfen wir unsere Verstorbenen und unser eigenes unvollendetes Leben seiner Liebe anvertrauen.

Gliederung:

  • Die Erinnerung an einen verstorbenen Menschen zulassen.
  • Gottes neue Welt als Nähe und Heilung hören.
  • Trauer und Hoffnung ohne vorschnelle Antworten verbinden.
  • Aus der kommenden Welt heute füreinander sorgen.

Liebe Gemeinde, stellen wir uns eine Frau vor, die einen Schrank öffnet. Sie sucht eine warme Decke. Seit einigen Tagen ist es kalt geworden. Hinter der Decke liegt der Schal ihres Mannes. Sie hatte ihn nicht absichtlich dort versteckt. Irgendwann hat sie ihn zusammengelegt und weggeräumt. Jetzt hält sie ihn in den Händen. Er ist weich und an einer Stelle ein wenig ausgefranst. Sie erinnert sich, wie ihr Mann ihn immer nachlässig über den Mantel legte. Dann saß ein Ende höher als das andere.

Ein kleines Bild, beinahe komisch. Sie könnte darüber lächeln. Stattdessen steigen ihr Tränen in die Augen. Es ist schon länger her, dass er gestorben ist. Sie hat vieles geordnet. Briefe beantwortet, Unterlagen sortiert, Wege allein eingeübt. Es gibt auch gute Tage. Aber heute reicht ein Schal. Die Welt, die sie miteinander geteilt haben, ist für einen Augenblick wieder nah. Und gerade deshalb spürt sie die Lücke besonders deutlich.

Vielleicht kennen wir einen solchen Gegenstand. Eine Tasse, die niemand mehr benutzt. Eine Handschrift auf einem alten Zettel. Eine Telefonnummer, die noch gespeichert ist, obwohl wir dort nicht mehr anrufen können. Oder es ist ein Geräusch, ein Geruch, ein Satz. Erinnerung kommt nicht immer dann, wenn wir ihr Zeit eingeräumt haben. Sie tritt unvermittelt in den Tag. Wir können lange gefasst sein und plötzlich merken, dass uns jemand fehlt.

Nach dem Ewigkeitssonntag tragen wir Namen und Lebensgeschichten mit uns. Das Kirchenjahr steht kurz vor dem Neubeginn. Bevor die Adventslichter kommen, hören wir eine Hoffnung, die den Schmerz nicht übergeht. Sie richtet sich auf Gottes Zukunft. Unser Predigttext spricht von einer Welt, in der Gott den Menschen so nahe sein wird, dass ihre Tränen bei ihm aufgehoben sind. Wir dürfen dieses Wort mit allem hören, was heute noch offen ist.

Johannes sieht einen neuen Himmel und eine neue Erde. Er erzählt nicht, wie wir einen besseren Kalender planen oder unsere Verhältnisse Schritt für Schritt vollkommen machen. Seine Vision öffnet den Blick auf das, was Gott schaffen will. Das Ziel unserer Geschichte bleibt nicht innerhalb dessen eingeschlossen, was wir jetzt für möglich halten. Gott hat Zukunft für seine Schöpfung. Auch dort, wo unsere Möglichkeiten enden, endet seine Treue nicht.

Die Bilder der Offenbarung können uns fremd erscheinen. Eine Stadt kommt aus dem Himmel herab. Das Meer ist nicht mehr da. Wir sollten daraus keinen Reiseplan für das Jenseits machen und keine genaue Beschreibung der Landschaft erwarten. Die Bilder tragen eine Verheißung. Das Meer lässt sich hier als Bild bedrohlicher, unbezähmbarer Mächte hören. Was Menschen verschlingt und ihnen den Boden entzieht, soll in Gottes neuer Welt keine Herrschaft mehr haben.

Bemerkenswert ist die Richtung dieser Hoffnung. Die neue Stadt kommt zu den Menschen. Gott wohnt bei ihnen. Die Vision führt uns nicht einfach aus allem Irdischen fort. Sie verheißt die Erneuerung der Schöpfung und die Nähe Gottes mitten unter den Menschen. Was unser Leben ausmacht, wird nicht als bedeutungslos abgetan. Unsere Beziehungen, unsere Liebe und unsere Sehnsucht nach Frieden gehören in den Horizont dessen, was Gott vollenden will.

Wir hören: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“ Das ist ein zartes Bild in einem Buch voller gewaltiger Szenen. Eine Träne wird nicht aus der Ferne weggewischt. Dazu braucht es Nähe. Jemand muss das Gesicht des anderen sehen. Die Vision spricht von Gott so, als würde er sich jedem einzelnen Menschen zuwenden. Keine Trauer muss erst laut genug werden, um seine Aufmerksamkeit zu erreichen.

Es gibt Tränen, von denen niemand weiß. Ein Mann sitzt nach außen ruhig im Gottesdienst und trägt eine Geschichte mit sich, die er selten erzählt. Eine Frau trauert um ein Kind, dessen Name in ihrem Umfeld kaum noch fällt. Jemand vermisst einen Menschen, mit dem die Beziehung schwierig war. Auch solche Trauer gehört hierher. Wir müssen aus unseren Erinnerungen keine makellose Lebensgeschichte machen. Gott sieht, was wir geliebt haben, und auch, was uns daran verletzt hat.

Die Zusage nimmt unsere Tränen ernst, indem sie ihnen eine Zukunft verheißt, in der sie getrocknet werden. Heute können sie dennoch fließen. Hoffnung verlangt keine Beherrschung, mit der wir den Schmerz aus dem Gottesdienst fernhalten. Auch Jesus weint am Grab seines Freundes Lazarus. Seine Nähe zum Vater erspart ihm diese Trauer nicht. Wir dürfen deshalb glauben und weinen. Wir dürfen hoffen und zugleich sagen: Heute ist es sehr schwer.

Vielleicht ist gerade diese Freiheit ein Trost. Wir müssen vor anderen nicht beweisen, dass wir inzwischen gut zurechtkommen. Es gibt keinen Kalender, nach dem eine Liebe ihre Trauer beendet haben müsste. Manche Tage werden leichter. Manche Jahrestage holen den Schmerz zurück. Wir können Unterstützung suchen, wenn die Last zu groß wird. Ein Gespräch, eine Trauergruppe oder fachliche Begleitung kann helfen, wieder Raum zum Atmen zu finden. Solche Hilfe steht unserer Hoffnung nicht entgegen.

Die Frau mit dem Schal könnte ihn wieder sorgfältig zusammenlegen. Sie könnte ihn auch für heute über den Stuhl hängen. Beides darf sein. Vielleicht ruft sie eine Freundin an und sagt: Ich musste gerade an ihn denken. Dann braucht sie keine schnelle Antwort. Sie braucht jemanden, der fragt, woran sie sich erinnert. Vielleicht erzählt sie von den ungleichen Schalenden. Vielleicht lächelt sie diesmal. Das Lächeln nimmt den Tränen nichts von ihrer Wahrheit.

Und dann sind da unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden. Vielleicht ist euch der Tod bisher vor allem aus Nachrichten und Filmen vertraut. Vielleicht habt ihr schon selbst einen Menschen verloren. Vielleicht möchtet ihr fragen, ob die Verstorbenen noch wissen, dass wir sie lieben. Wir Erwachsenen können nicht jede Frage sicher beantworten. Aber wir dürfen euch sagen, worauf wir vertrauen: Gott lässt seine Menschen nicht aus seiner Liebe fallen. Auch dann nicht, wenn wir sie nicht mehr erreichen können.

Ihr müsst euch im Gespräch über den Tod nicht besonders erwachsen geben. Ihr dürft still sein, nachfragen oder eine Erinnerung erzählen, über die man lachen kann. Auch Eltern müssen nicht auf alles eine Erklärung haben. Wir können gemeinsam ein Licht anzünden oder den Namen eines Menschen nennen. Manchmal zeigt eine solche kleine Handlung mehr Verbundenheit als ein langer Satz. Wir schaffen damit einen Platz für die Liebe, die geblieben ist.

Unser Text verspricht, dass der Tod in Gottes neuer Welt keine Herrschaft mehr haben wird. Das ist eine große Zusage. Heute erleben wir die Macht des Todes. Wir sehen leere Plätze und wissen, dass wir selbst sterblich sind. Der Glaube tut nicht so, als ließe sich diese Grenze wegreden. Er vertraut darauf, dass Gott über sie hinaus handelt. Wir halten die Hoffnung nicht fest, weil wir den Tod unterschätzen. Wir halten sie fest, weil Christus auferstanden ist.

Seine Auferstehung ist der Grund, auf dem wir stehen. Jesus geht durch Leiden und Tod. Der Gekreuzigte wird nicht aus Gottes Geschichte gestrichen. Gott eröffnet ihm Leben. Darum vertrauen wir auch unsere Verstorbenen nicht einer unbestimmten Vergänglichkeit an, sondern der Liebe dieses Gottes. Wie ihre Vollendung aussieht, können wir nicht ausmalen. Wir müssen es auch nicht. Wir dürfen hoffen, dass Gottes Treue mehr bewahrt, als unsere Vorstellung fassen kann.

Paulus beschreibt im Römerbrief eine Liebe Gottes, von der uns selbst der Tod nicht scheiden kann. Diese Hoffnung umfasst auch unser unvollendetes Leben. Was geschieht mit dem Satz, den wir nicht mehr sagen konnten? Mit der Schuld, die zwischen uns geblieben ist? Mit der Nähe, nach der wir uns vergeblich gesehnt haben? Wir dürfen all das Gott anvertrauen. Dabei behaupten wir nicht, es sei damals doch alles gut gewesen. Wir bitten ihn um die Heilung, die wir nicht herstellen können.

Die Vision spricht auch von einem Durst, den Gott stillen wird, und von Leben, das er schenkt. Das passt zu einem Menschen, dessen Seele müde geworden ist. Wir müssen uns nicht erst durch besondere Frömmigkeit für Gottes Zukunft qualifizieren. Wir kommen mit unserem Bedürfnis. Manchmal ist unser Gebet nur ein leiser Wunsch nach Frieden. Manchmal findet es keine Worte. Gottes Gabe reicht tiefer als unsere Fähigkeit, sie zu beschreiben oder festzuhalten.

Wenn der Text vom Überwinden spricht, sollten wir darin keine Forderung hören, jede Trauer heldenhaft zu besiegen. Treue zu Christus kann sehr leise aussehen. Ein Mensch steht morgens auf und bittet um Kraft für diesen Tag. Eine andere wagt nach langer Zeit wieder einen Besuch. Wieder jemand lässt sich helfen, obwohl ihm das schwerfällt. Wir wissen nicht, wie viel Mut darin liegt. Vor Gott muss solche Treue nicht glänzen, um kostbar zu sein.

Auch die Zukunft unserer Gemeinde dürfen wir in diesen Horizont stellen. Wir erleben Abschiede, weniger vertraute Gesichter, vielleicht Veränderungen an Orten, die uns viel bedeuten. Das kann traurig sein. Wir müssen es nicht sofort als Chance bezeichnen. Aber Gottes neue Welt hängt nicht davon ab, dass wir jede bisherige Form erhalten. Wir können um vertraute Formen trauern und zugleich prüfen, wie wir heute Menschen begleiten, Gottes Wort hören und Hoffnung weitergeben können.

Eine Gemeinde als Ort der Tiefe macht dafür Platz. Sie lässt einen Namen noch einmal fallen, wenn die Umgebung längst zum nächsten Thema übergegangen ist. Sie hält Stille aus. Sie fragt nach, ob jemand nach dem Gottesdienst allein nach Hause geht. Eine Leistungskennzahl kann unsere Arbeit beschreiben. Die Bedeutung eines Menschen erschöpft sich darin nicht. Manchmal besteht der wichtigste Dienst darin, bei jemandem zu bleiben, dessen Schmerz keine schnelle Lösung hat.

Digitale Möglichkeiten können die Verbindung unterstützen. Eine entfernte Tochter kann am Bildschirm das Gesicht ihrer Mutter sehen. Ein altes Foto kann Erinnerungen ins Gespräch bringen. Eine übertragene Andacht erreicht Menschen, die das Haus nicht verlassen können. Dennoch bleibt die Frage, welche Nähe jemand tatsächlich braucht. Eine Nachricht kann trösten. Vielleicht braucht es zusätzlich einen Besuch oder ein Telefonat. Wir dürfen die Technik nutzen und zugleich aufmerksam für ihre Grenzen bleiben.

Gottes Zukunft macht uns für die Gegenwart verantwortlich. Wenn er Tränen ernst nimmt, können wir die Tränen anderer nicht gleichgültig übersehen. Wir können Krankheit begleiten, Einsamkeit mindern und friedliches Zusammenleben suchen. Unsere Hilfe schafft Gottes neue Welt nicht aus eigener Kraft. Aber sie kann etwas von der Hoffnung sichtbar machen, die wir empfangen. Eine Hand, die heute gehalten wird, ist nicht schon die Vollendung. Sie ist dennoch eine wirkliche Erfahrung von Nähe.

Vielleicht denkt die Frau mit dem Schal am nächsten Morgen daran, ihn einer Person zu geben, die Wärme braucht. Vielleicht ist es dafür noch lange zu früh. Niemand muss die Erinnerungsstücke seines Lebens sofort in eine gute Tat verwandeln. Wir dürfen behutsam mit unserer Trauer umgehen. Die Hoffnung braucht keine vorzeigbare Leistung. Sie kann zunächst darin liegen, dass die Frau sich selbst einen warmen Tee macht und heute einen Menschen zu sich lässt.

Wir können auch dann eine solche Nähe schenken, wenn wir selbst keine tröstenden Worte finden. Vielleicht sitzen wir eine Weile miteinander und hören zu. Vielleicht kochen wir etwas oder gehen ein Stück zusammen. Wir müssen den Schmerz des anderen nicht lösen, um ihm beizustehen. Es genügt manchmal, dass er ihn für eine Stunde nicht allein tragen muss. Dabei können wir fragen, was ihm heute hilft, statt aus unserer eigenen Erfahrung eine Regel für ihn zu machen.

So bewahren wir in der Gemeinde einen Raum, in dem jeder Mensch sein eigenes Tempo haben darf. Wer wieder lachen kann, muss deswegen kein schlechtes Gewissen haben. Wer noch weint, muss sich nicht entschuldigen. Unsere Hoffnung auf Gottes Zukunft verbindet beide. Sie schenkt uns die Geduld, einander auch durch wechselnde Tage hindurch zu begleiten.

Vor uns liegt der Advent. Wir werden davon hören, dass Gott kommt. Heute nehmen wir eine Zusage mit, die weiter reicht als unsere Zeit: Er will bei den Menschen wohnen. Wir legen unsere Verstorbenen in seine Hände und auch uns selbst, mit dem gelungenen und dem unvollendeten Leben. Noch bleiben Fragen. Noch kommen Tränen. Aber wir dürfen sie vor Gott bringen. Seine Liebe hält die Zukunft offen. Möge sie uns heute tragen und uns füreinander aufmerksam machen. Amen.

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