17.05.2026  |  Predigttext: Jeremia 31,31-34 (Reihe II, Lutherbibel 2017)

Predigtkern

Gott schreibt seinen Bund nicht mehr auf Stein, sondern in unsere Herzen - nicht als Druck, sondern als inneres Wohnen, und der, der diesen Bund verkoerpert, ist Christus, durch den unsere alte Schuld vergessen und unsere Zukunft neu eroeffnet ist.

Gliederung

1. Frau Hartmann findet alte Briefe - was bleibt von Versprechen?

2. Eine ehrliche Diagnose: die alten Buende sind zerbrochen

3. Etwas Neues: Gott schreibt von innen, ins Herz

4. Christus als der lebendige Bund - Vergebung, Wohnen, Gegenwart

5. Was das heute heisst: in einer Welt voller zerbrochener Versprechen

Predigt

Liebe Gemeinde,

Frau Hartmann sitzt am Wohnzimmertisch und sortiert. Es ist die Aufgabe, die sie vor sich herschiebt, seit ihr Mann gestorben ist — drei Jahre ist das nun her. Aber heute hat ihre Tochter angerufen: „Mama, du musst mal anfangen, die Kisten im Keller durchzugehen, sonst ramme ich da irgendwann mit dem Schlitten gegen." Also sitzt Frau Hartmann nun vor einer Kiste mit Briefen. Briefe aus den fünfziger Jahren. Briefe ihrer Eltern. Briefe von Freundinnen, die längst gestorben sind. Und mittendrin findet sie einen Umschlag, den sie nicht erwartet hat: einen Brief, den ihr Mann ihr zur silbernen Hochzeit geschrieben hat. Sie öffnet ihn, und liest. Und in dem Brief steht ein Versprechen. Ein altes, einfaches, schönes Versprechen. Und Frau Hartmann muss weinen. Nicht aus Trauer, das hat sie inzwischen anders gelernt. Sondern weil ihr klar wird: Dieses Versprechen ist gehalten worden. Vierzig Jahre lang. Bis zum Schluss.

Liebe Gemeinde, was wir vor Augen haben, wenn wir an Versprechen denken, das ist meistens etwas Ähnliches: ein Stück Papier, eine Unterschrift, ein gegebenes Wort. Wir leben von Versprechen. Eheversprechen. Arbeitsverträge. Mietverträge. Verfassungen. Bekenntnisse. Und wir wissen, wie zerbrechlich das alles ist. Manche Versprechen halten ein Leben lang. Andere zerreißen, manchmal von einem Tag auf den anderen.

Heute, am Sonntag Exaudi, an diesem stillen Sonntag zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten, hören wir aus dem Buch des Propheten Jeremia ein Wort von einem Versprechen. Aber nicht von irgendeinem Versprechen, sondern von dem allergrößten — von dem, das Gott seinem Volk gibt. Hören wir den Text. Es spricht der Herr: Siehe, es kommt die Zeit, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben. Sondern das soll der Bund sein, den ich schließen will: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern lehren und sagen: Erkenne den Herrn, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Hören wir genau hin: Da ist zuerst eine Diagnose. Eine schmerzhafte, ehrliche Diagnose. Es geht nicht so weiter. Der alte Bund — der am Sinai geschlossen wurde, mit den steinernen Tafeln, mit den Geboten — der ist gebrochen worden. Nicht weil Gott untreu wäre. Sondern weil das Volk untreu war. „Sie haben den Bund nicht gehalten", sagt der Prophet. Und das ist, wenn wir ehrlich sind, kein bloß altes Volksproblem. Das ist auch unser Problem. Wir alle wissen das. Wir haben Versprechen gegeben — manchmal vor Gott, manchmal vor Menschen — die wir nicht gehalten haben. Wir haben uns vorgenommen, etwas zu sein, und sind dann doch jemand anders geworden. Wir haben Worte gesprochen, die uns später wie ein Stein im Magen lagen.

Und jetzt kommt Jeremia, und er macht etwas Erstaunliches. Er sagt nicht: dann sind die Tafeln eben zu wenig, jetzt brauchen wir noch dickere Tafeln. Er sagt nicht: jetzt müssen wir den Druck erhöhen. Er sagt nicht: jetzt müssen wir die Strafe verschärfen. Er sagt im Namen Gottes etwas ganz anderes. Er sagt: Es kommt eine Zeit, da werde ich mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben.

Liebe Gemeinde, das ist eine geradezu revolutionäre Idee. Bisher war das Gesetz immer etwas Äußeres. Es stand auf den Tafeln. Es war im Tempel verwahrt. Man musste es lesen, hören, lernen. Es kam von außen, und der Mensch hatte sich davon zu überzeugen, dass es gut für ihn ist. Aber Jeremia kündigt eine andere Zukunft an. Eine, in der Gott das Gesetz in das Herz selbst schreibt. In der das, was wir tun sollen, nicht mehr als Druck von außen kommt, sondern aus uns selbst hervorgeht. Aus einem Inneren, das Gott sich selbst geschrieben hat.

Wir haben dafür ein einfaches menschliches Bild. Wenn wir jemanden wirklich lieben, dann müssen wir uns nicht jeden Morgen aufs Neue einreden, dass wir ihm nichts antun wollen. Es kommt einfach nicht in Frage. Nicht weil ein Gebot uns das verböte. Sondern weil unser Herz selbst sich dagegen sträubt. Liebe schreibt das Gesetz von innen. Und genau so, sagt Jeremia, will Gott mit uns umgehen. Er will sich mit uns nicht über Vorschriften verständigen. Er will sich uns ins Herz geben.

Und damit das auch wirklich neu wird, sagt der Prophet noch ein Zweites: Ich will ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken. Das ist der schwerste, der unbegreiflichste, der schönste Satz dieses ganzen Predigttextes. „Nimmermehr gedenken." Das heißt nicht: Gott wird vergesslich. Das heißt: Gott entscheidet sich aktiv, das Vergangene nicht mehr zwischen uns und ihn zu stellen. Er räumt es weg. Er zieht den Strich. Er macht den Tisch frei. Und das ist das Allerwichtigste an dem neuen Bund.

Denn — Hand aufs Herz — könnten wir ein neues Leben anfangen, wenn die alten Schulden noch alle zwischen uns stünden? Könnten wir glücklich werden, wenn alles, was wir je falsch gemacht haben, uns an jeder Ecke wieder aufgetischt würde? Wir kennen das aus eigenem Erleben: Manche Beziehungen leiden für Jahre an einer alten Verletzung, weil sie nicht vergeben wurde. Sie kann nicht vergeben werden, einfach weil keiner mehr die Kraft hat. Aber Gott hat diese Kraft. Und er hat sie auch wirklich aufgebracht.

Liebe Gemeinde, an dieser Stelle muss ich nun noch etwas sagen. Wir sitzen heute hier nicht nur als Erben des Jeremia. Wir sitzen hier als Christen. Und das heißt: Wir glauben, dass dieses Versprechen, das Gott durch Jeremia gegeben hat, an einer ganz bestimmten Stelle sichtbar geworden ist — in Jesus Christus. Beim letzten Abendmahl, in der Nacht, in der er verraten wurde, hat Jesus den Becher genommen und gesagt: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird. Da hat er Jeremia zitiert. Da hat er gesagt: Dieser neue Bund, von dem der alte Prophet gesprochen hat — der wird hier und jetzt gestiftet. Durch mich. Durch das, was ich für euch tue.

Christus ist der lebendige Bund. Er ist nicht ein Stein, sondern ein Mensch. Er ist nicht eine Schrift, sondern eine Gegenwart. Er ist der, in dem die Vergebung Wirklichkeit wird, und er ist der, durch den Gott in unsere Herzen einzieht. Wenn wir glauben, dann wohnt Christus in uns. Das ist ein altes paulinisches Bild, aber es ist genau das, was Jeremia gemeint hat. Das Gesetz wird zur Person. Die Tafel wird zum Bruder. Die Vorschrift wird zur Liebe.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, vielleicht denkt ihr beim Wort „Bund" zuerst an Verträge oder Schwüre, oder an Fußballbund, oder an Bundeswehr. Aber meint hier mal etwas anderes. Stellt euch jemanden vor, der zu euch sagt: Was auch immer du gemacht hast, was auch immer du noch machen wirst — ich gehe nicht weg. Ich bleibe bei dir. Ich werde nicht aufhören, dich für meinen Menschen zu halten. Wenn das jemand sagt, dann ist das ein Bund. Und wenn Gott das sagt — und er sagt es, durch Christus — dann ist das der Grund, auf dem wir leben dürfen. Auch wenn die anderen Versprechen wackeln. Auch wenn der Vertrag mit dem Verein gerade gekündigt ist. Auch wenn die Eltern sich getrennt haben. Auch wenn die Welt sehr unruhig ist. Es gibt einen, der bleibt.

Und für die unter uns, die schon lange unterwegs sind im Glauben: Hören wir es vielleicht heute neu. Es ist diese Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten, eine seltsam stille Zeit. Christus ist nicht mehr sichtbar. Der Geist ist noch nicht da. Es ist die Zwischenzeit. In der Bibel sitzen die Jünger zusammen und warten. Und vielleicht ist das genau der Ort, wo das Wort aus Jeremia hingehört: in das Warten. Denn das, was Gott uns versprochen hat — den neuen Bund, das Wohnen in unseren Herzen — , das wird zu Pfingsten Wirklichkeit. Der Geist Gottes ist es, der das Gesetz in unser Inneres schreibt. Wir warten auf ihn. Und wir warten nicht umsonst.

Vielleicht müssen wir das auch in unserer eigenen Glaubensgeschichte ehrlich aussprechen. Es gibt Zeiten, da fühlen wir nichts. Da betet sich's wie gegen eine Wand. Da kommt sich der Glaube wie ein altes Möbelstück vor, das man aus Pietät behält, aber nicht mehr benutzt. Solche Phasen gibt es. Und Jeremia sagt uns: Bleibt dran. Wartet. Gott ist nicht fertig. Er hat versprochen, in eure Herzen zu kommen. Er wird kommen. Manchmal anders, als wir denken. Manchmal später, als wir hoffen. Aber er kommt.

Und dann, liebe Gemeinde, gibt es noch einen kleinen Satz im Predigttext, der mich besonders rührt. Es heißt: Sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß. Klein und Groß. Das heißt: nicht nur die studierten Theologen. Nicht nur die Frommen. Nicht nur die Mutigen. Auch die ganz Normalen. Auch die, die sich klein vorkommen. Auch die Vierzehnjährigen, die noch nicht so genau wissen, was sie glauben. Auch die Vierundachtzigjährigen, die manchmal nicht mehr wissen, wie ihre Brille heißt, aber das Vaterunser noch können. Alle. Klein und Groß. Sie sollen Gott erkennen, weil er sich ihnen ins Herz gibt.

Frau Hartmann sitzt also vor diesem alten Brief ihres Mannes. Und sie merkt: Dieses kleine, irdische Versprechen war ein Abbild des großen, göttlichen Versprechens. Ihr Mann hat sie nicht verlassen, ein Leben lang nicht. Aber selbst er ist gegangen, am Ende. Und doch ist da einer geblieben. Einer, der nicht geht. Einer, der sich verspricht, und der sein Versprechen hält. Christus, der lebendige Bund. Der in ihr Herz eingezogen ist. Und der bleibt, auch wenn die Briefe verblassen, auch wenn die Schrift undeutlich wird, auch wenn die Augen müde sind. Im Herzen ist er da. Geschrieben. Lebendig.

Es gibt noch einen Aspekt unseres Predigttextes, den ich zum Schluss bedenken möchte. Jeremia sagt, in diesem neuen Bund werde keiner mehr den anderen lehren müssen, „erkenne den Herrn", denn alle würden ihn von selbst erkennen. Auf den ersten Blick könnte man meinen: Dann wäre die Kirche ja überflüssig. Dann braucht es keine Predigten mehr, keinen Religionsunterricht, keine Theologie. Aber das ist ein Missverständnis. Jeremia spricht hier von der vollendeten Zukunft Gottes, vom letzten Tag, an dem alle Schleier fallen werden. Bis dahin sind wir Lernende. Bis dahin brauchen wir einander, um den Glauben weiterzugeben, um Worte zu finden, um Zweifel auszuhalten, um auch dann zu bezeugen, wenn einer von uns gerade nicht glauben kann.

Aber der Verheißungssatz Jeremias ist trotzdem eine wichtige Erinnerung. Er sagt uns: Glaube ist letztlich kein Wissen, das man auswendig lernt. Glaube ist Erkennen. Und Erkennen geschieht von innen her. Niemand kann mir den Glauben einreden. Auch nicht der frommste Pfarrer und nicht das beste Konfirmandenbuch. Glaube wächst, weil Gott in mir wohnt. Weil mein Herz ein Tempel geworden ist, in dem er sich seine Wohnung gebaut hat.

Und das ist die ganze Hoffnung dieses Sonntags zwischen Himmelfahrt und Pfingsten: Wir dürfen warten — nicht auf einen Vortrag von außen, nicht auf einen Beweis, der alles klärt — sondern auf das Wirken Gottes in uns selbst. Der Geist, der zu Pfingsten kommt, ist nicht ein neues Lehrer-Gespenst, das uns Vorschriften macht. Er ist die Liebe Gottes, ausgegossen in unsere Herzen, sagt Paulus. Er ist das Wohnen Christi in uns. Er ist das Erkennen, das von innen her wächst.

So, liebe Gemeinde, dürfen wir aus diesem Sonntag Exaudi gehen mit einem stillen Vertrauen. Wir sind nicht allein. Unsere Geschichte ist nicht das letzte Wort. Gott hat versprochen, mit uns einen neuen Bund zu schließen, und in Christus hat er es getan. Und auf den Geist, der uns das einprägt, dürfen wir warten — und müssen nicht lange warten, denn Pfingsten ist nahe.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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