24.05.2026  |  Predigttext: Apostelgeschichte 2,1-21 (Reihe II, Lutherbibel 2017)

Predigtkern

Wo Gottes Geist kommt, fallen die Sprachenbarrieren - aber nicht, indem alle gleich werden, sondern indem jeder in seiner eigenen Sprache hoert, was Gottes Liebe in Christus fuer ihn bedeutet; so ist Pfingsten die Geburt einer Kirche, die Vielfalt nicht ueberwindet, sondern Hoffnung in alle Sprachen hinein verkuendet.

Gliederung

1. Frau Hartmann am Smartphone - wie viele Sprachen wir heute schon nicht mehr verstehen

2. Pfingsten als Sturz in die Vielfalt - und doch alle einig

3. Petrus' Predigt: ein altes Wort wird neu (Joel) - alle Generationen

4. Christus als Mitte: warum Pfingsten kein Geist-Erlebnis 'an sich' ist

5. Was das fuer unsere Kirche heute heisst - Hoffnung gegen den Einheitsbrei

Predigt

Liebe Gemeinde,

Frau Hartmann ist verzweifelt. Sie sitzt vor ihrem neuen Smartphone und versteht kein Wort. „Authentifizierung fehlgeschlagen" steht da. Was, bitte, ist Authentifizierung? Und wieso fehlgeschlagen, sie hat doch gar nichts geschlagen. Lukas, ihr Enkel, kommt herein, sieht das Display, sieht das Gesicht seiner Großmutter und sagt: „Oma, das heißt: Du musst dich neu einloggen." — „Was heißt einloggen?" — „Das ist wie früher beim Bus: Fahrkarte zeigen." — „Aha. Und warum sagen die das nicht einfach?" Und Lukas zuckt die Schultern und sagt: „Weil die das nicht mehr für normale Leute schreiben, sondern für Computer."

Liebe Gemeinde, wir lachen vielleicht über diese kleine Szene. Aber dahinter steckt etwas Ernstes. Wir leben in einer Zeit, in der wir alle, ob jung oder alt, immer wieder erleben, dass uns die Sprache abhandenkommt. Manche Bereiche sprechen eine Sprache, die wir nicht mehr verstehen — die Banken, die Behörden, die Apps, die Medizin. Junge Menschen sprechen Worte, die ihre Eltern nie gehört haben. Alte Menschen erzählen Geschichten in Begriffen, die ihre Enkel nicht mehr deuten können. Wir leben in einer babylonischen Welt. Eine Welt, in der die Verständigung mühsam geworden ist.

Und genau in eine solche Welt — auch sie hatte ihre Sprachverwirrungen — hinein erzählt unser Predigttext heute, am Pfingstsonntag, eine Geschichte, die alles auf den Kopf stellt. Wir hören aus der Apostelgeschichte, Kapitel 2, vom Pfingsttag in Jerusalem. Die Jünger sitzen beieinander, hinter verschlossenen Türen. Es ist seit Jesu Himmelfahrt nichts Großes mehr passiert. Sie warten. Auf was, das wissen sie selbst nicht so genau. Und plötzlich heißt es: Es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.

Liebe Gemeinde, das ist eine ungewöhnliche Geschichte. Es ist nicht so, dass alle plötzlich dieselbe Einheitssprache reden. Es ist nicht so, dass plötzlich Englisch oder Latein oder Hebräisch das einheitliche Pfingstesperanto wird. Sondern das genaue Gegenteil: Sie reden viele Sprachen. Und draußen, auf der Straße, sammelt sich ein Riesenvolk von Festpilgern aus aller Welt. Die Bibel zählt sie auf — Parther und Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa, Kappadozien, Pontus und Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten, Lybien, Rom, Kreter und Araber. Eine wahre Völkerliste. Und das Wunder, das Pfingsten heißt, ist genau dieses: Jeder hört in seiner eigenen Sprache, dass die Apostel von den großen Taten Gottes reden.

Hören wir das genau. Es heißt nicht, dass alle plötzlich Aramäisch verstehen. Es heißt, dass jeder seine eigene Sprache hört. Pfingsten ist also kein Wunder der Einheitsbrei-Sprache. Pfingsten ist das Wunder der Vielfalt, die plötzlich verstehen kann. Gott schafft die Sprachen nicht ab. Er macht sie auf einmal durchlässig — durchlässig für eine Botschaft, die größer ist als jede Sprache.

Das ist, liebe Gemeinde, eine wunderbare Botschaft für unsere Zeit. Wir leben in einer Zeit, in der Vereinheitlichung droht. Algorithmen geben uns immer mehr dieselben Inhalte, in derselben Aufmachung, in derselben Tonlage. Was aus einer Suchmaschine kommt, sieht in München genauso aus wie in Hamburg, in Düsseldorf wie in Dresden. Und gleichzeitig erleben wir die andere Seite: Echte Verständigung wird immer schwieriger. Die einen reden über das eine, die anderen über das andere, und keiner versteht den anderen mehr.

Pfingsten sagt uns: Gott will weder die Vereinheitlichung noch das Auseinanderfallen. Er will, dass die vielen verschiedenen Stimmen weiter existieren — und dass sie sich gleichzeitig verstehen können. Dass das Evangelium in alle hinein vordringt, ohne dass die Einzelnen ihre Sprache, ihre Kultur, ihre Eigenart abgeben müssen. Junge dürfen jung bleiben, Alte alt, Stadt anders als Land, Bayern anders als Friesen. Und doch: in der Mitte ist Christus. Und der wird verstanden, in jeder Mundart.

Und nun kommt der zweite Teil unseres Textes, der mindestens genauso wichtig ist. Petrus tritt auf. Er, der Fischer aus Galiläa, der noch wenige Wochen vorher seinen Herrn dreimal verleugnet hat, der heißeste Brei eines schwachen Glaubens — er steht jetzt da und predigt. Und was tut er? Er greift in die Bibel zurück. Er zitiert den Propheten Joel. Er sagt, was hier passiert, sei genau das, was vor Jahrhunderten angekündigt wurde: Gott werde seinen Geist ausgießen auf alles Fleisch, und ihre Söhne und ihre Töchter sollen weissagen, und ihre Jünglinge sollen Gesichte sehen, und ihre Ältesten sollen Träume haben. Und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen.

Hören wir genau hin: Söhne und Töchter. Jünglinge und Älteste. Knechte und Mägde. Männer und Frauen. Junge und Alte. Mächtige und Geringe. Es gibt keine Gruppe, die hier ausgeschlossen wäre. Die Söhne sollen weissagen — aber auch die Töchter. Die Jünglinge sehen Gesichte — aber die Ältesten haben Träume. Das Alter wird hier nicht abgewertet. Es bekommt eine andere Form der Wahrnehmung: Die Träume gehören den Alten. Das ist tröstlich. Es heißt: Wer alt geworden ist, wer nicht mehr aktiv durch die Welt rennt, wer im Pflegeheim sitzt oder zuhause in seinem Sessel — der hat trotzdem etwas, was andere nicht haben. Träume Gottes. Eine andere Tiefe.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, die ihr heute hier sitzt: Hört euch das gut an. Joel sagt — und der Geist Gottes bestätigt es — dass eure Visionen, eure Vorstellungen, eure Hoffnungen für die Welt nicht nichts sind. Auch ihr werdet weissagen. Das heißt nicht: ihr werdet die Zukunft vorhersagen wie Wahrsager. Das heißt: ihr werdet Worte haben, die in unsere Welt etwas Neues einbringen. Ein junger Mensch, der erkennt, dass etwas falsch läuft, und es ausspricht — das ist im biblischen Sinne weissagen. Eure Stimme zählt. Pfingsten heißt, Gott vertraut auch euch.

Und jetzt, liebe Gemeinde, kommt die entscheidende Wendung. Pfingsten ist nicht ein Geist-Erlebnis „an sich". Es geht hier nicht um religiöse Begeisterung als Selbstzweck. Wenn man die ganze Apostelgeschichte 2 zu Ende liest, sieht man: Petrus' Predigt hat eine ganz klare Mitte. Sie spricht von Jesus. Sie spricht davon, dass dieser Jesus von Nazareth, den ihr gekreuzigt habt, von Gott auferweckt wurde, dass er der Messias ist, dass durch ihn die Sünden vergeben werden. Pfingsten ist nicht die Geburtsstunde einer allgemeinen religiösen Stimmung. Pfingsten ist die Geburtsstunde der Kirche Jesu Christi.

Das ist heute besonders wichtig zu sagen. In unserer Zeit gibt es viel Sehnsucht nach Spiritualität. Viel Suchen nach Geist. Achtsamkeit, Yoga, Meditation, Energien, Aurascanner — das ist alles nicht falsch, aber es ist auch nicht das, was Pfingsten meint. Pfingsten ist nicht ein allgemeiner Geist. Pfingsten ist der Geist Christi. Es ist der Geist, der uns auf den verweist, der für uns in den Tod gegangen und auferstanden ist. Es ist der Geist, der unsere Herzen, das hat Jeremia gesagt, mit dem Bund Gottes beschreibt — mit dem Namen Jesu Christi. Und genau weil dieser Geist sich auf Christus bezieht, wird er nicht zu einem privaten Gefühl, sondern zu einer Gemeinschaft. Zu einer Kirche.

Und wenn wir uns heute fragen — was bedeutet das für unsere Gemeinde, hier, jetzt, in dieser Zeit? — , dann gibt uns Pfingsten ein paar klare Antworten. Erstens: Lasst uns Mut haben, in viele Sprachen zu sprechen. Wir müssen nicht alle gleich klingen. Eine Predigt für junge Familien klingt anders als eine Andacht im Pflegeheim. Ein Hauskreis spricht anders als der Konfirmandenunterricht. Ein Gespräch im Krankenhaus anders als ein Vortrag. Das ist nicht Schwäche, das ist pfingstlich. Vielfalt der Sprachen, Einheit in Christus.

Zweitens: Lasst uns Mut haben, dass auch unsere Kirche in einer veränderten Welt nicht ans Ende kommen wird. Die Kirche ist im Wandel, das wissen wir alle. Manches, was wir kannten, geht zu Ende. Andere Gemeinden schließen, Stellen werden gestrichen, Gebäude umgewidmet. Das schmerzt. Aber Pfingsten ist die ältere Geschichte. Pfingsten erzählt: Aus zwölf eingeschüchterten Männern in einem geschlossenen Zimmer wird eine Bewegung, die die Welt verändert. Aus dem Nichts. Aus dem Geist Gottes, der weht, wo er will. Wir wissen nicht, wie unsere Kirche in zwanzig Jahren aussehen wird. Aber wir wissen, dass der Geist nicht aufhört zu wehen. Er ist nicht an unsere Strukturen gebunden.

Drittens: Lasst uns die Sprache der Hoffnung lernen. Petrus, am Ende seiner Predigt, zitiert noch einmal Joel: Es soll geschehen, dass jeder, der den Namen des Herrn anrufen wird, gerettet werden soll. Jeder. Nicht nur die Frommen. Nicht nur die Klugen. Nicht nur die Gesunden. Jeder, der ruft. In welcher Sprache auch immer. Mit welcher Kraft auch immer. Auch nur ein Stoßgebet zwischen Tür und Angel. Auch nur ein „Hilf mir!" im Krankenhausbett. Pfingsten heißt: Es gibt einen, der hört. Und der reagiert.

Es gibt noch einen letzten Gedanken, der mir am Pfingstsonntag nicht aus dem Kopf will, und mit dem ich heute schließen möchte. Wenn der Geist Gottes über die Apostel kommt, dann erwischt er sie ja nicht etwa als geistlich gut vorbereitete Profis. Er erwischt sie als Menschen, die zutiefst verunsichert sind. Petrus hat seinen Herrn verleugnet. Thomas hat gezweifelt. Die anderen sind aus Angst weggelaufen, als Jesus verhaftet wurde. Sie sind ein zerbrochener Haufen. Und genau auf diesen zerbrochenen Haufen kommt der Geist Gottes herab.

Das ist eine wichtige Erinnerung. Pfingsten ist nicht die Belohnung für besonders fromme Leute. Pfingsten ist Gottes freie Entscheidung, sich auf Menschen einzulassen, die es eigentlich nicht verdient haben. Und das gilt auch für uns. Wir müssen nicht erst etwas werden, bevor der Geist über uns kommen darf. Wir dürfen sein, wer wir sind: müde Menschen, ängstliche Menschen, zweifelnde Menschen, schuldige Menschen. Und Gott will sich gerade auf solche Menschen einlassen. Er hat noch nie etwas anderes getan.

Und wenn wir uns in unserer Gemeinde manchmal kleiner und schwächer vorkommen als früher — wenn die Kirche, in der wir aufgewachsen sind, sich verändert und wir nicht wissen, wo das alles hinführen soll — , dann ist das genau die Situation, die zu Pfingsten passt. Nicht der überlegene, mächtige, gut aufgestellte Verein wird vom Geist berührt. Sondern die zwölf in dem Zimmer mit der verschlossenen Tür. Die, die nicht mehr weiterwissen. Wenn wir uns also manchmal so fühlen, dann ist das vielleicht nicht das Ende. Sondern der Anfang von etwas Neuem.

Frau Hartmann hat sich übrigens, mit Lukas' Hilfe, neu eingeloggt. Es hat zehn Minuten gedauert, dann ging es. Und als sie später daran gedacht hat, hat sie zu sich selbst gesagt: Eigentlich ist es immer dasselbe. Wir Menschen sprechen verschiedene Sprachen, und einer muss übersetzen, damit es weitergeht. Bei meinem Smartphone war es Lukas. Und im Glauben — da ist es Christus. Er ist der Übersetzer Gottes für uns Menschen. Und der Geist, das ist der, der uns hineinträgt in diese Übersetzung. Damit wir verstehen, in unserer eigenen Sprache, was Gott uns durch ihn sagt.

So, liebe Gemeinde, lasst uns dieses Pfingstfest feiern als das, was es ist: die Geburtstunde unserer Kirche, eine Mahnung gegen alle Verflachung und Vereinheitlichung, eine Ermutigung, in den vielen Sprachen unserer Zeit das eine Evangelium auszusagen, eine Hoffnung gegen die Resignation. Der Geist Christi ist da. Er weht. Er ruft. Und er gibt uns nicht nur die Worte, sondern auch das Hören.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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